Die richtige Taktik!
Zizou bestätigt die Lehren des clásico

Taktiküberschrift - Grafik: ©halamadrid.at

Nachdem wir schon die Wandlung von Cristiano im clásico angesprochen haben komme ich nun zu den restlichen Lehren des Spiels. Seit mehreren Monaten predigen einige Madridistas, mich eingeschlossen, dass es unabdingbar ist sein Denken zu verändern will man auch mit dem modernsten Fußball mithalten.

Nun sprach der wohl beste Spieler überhaupt Zinedine Zidane mit AS.com über die Kritiken des Vereins Real Madrid und wie sehr er davon enttäuscht sei, dass man einfach nicht begreifen will was hier gerade passiert.

Die Gegner einer Weiterentwicklung der Blancos müssen in Madrid hinter jeder Ecke lauern. Doch was war es genau, das erstmalig in mir einen positiven Nachgeschmack hinterließ. Madrid verlor doch schon wieder ein clásico und schon wieder werden wir wohl aus einem Pokalbewerb gegen die Katalanen ausscheiden.

Aber was hat sich geändert?!

Das Konzept der Mitte

Nach mehreren Tests und Versuchen seitens Mourinhos gegen das Team von Pep Guardiola zu bestehen fand er diesen Mittwoch wieder zu einer Grundthese zurück, die es gilt nun endlich auch fest ins Repertoir gegen Barcelona aufzunehmen. Die Mitte entscheidet über dieses Spiel. Schon oft habe ich davon gesprochen, dass die perfekte Balance der Schlüssel zum Erfolg sein könnte. In meinen Thesen ging es dabei hauptsächlich um Fabio Coentrão, der diese Joker-Rolle übernehmen könnte. Doch José Mourinho eröffnete mir eine vollkommen neue Sicht auf die Dinge. Ein taktischer Kniff, der einfach nur eine andere Lösung des Balance-Systems darstellt.

Statt Fabio Coentrão den “Allrounder” spielen zu lassen, der ständig für einen Ausgleich sorgen kann bevorzugt Mourinho den taktisch am besten geschulten Spieler im Kader – Sami Khedira. Zumindest lässt sich dies für mich rückwirkend sagen. Doch alles der Reihe der nach…

Am Mittwoch stellte Mourinho mit Lass, Pepe und Alonso endlich wieder das Trivote auf, das eine Antwort auf Lionel Messi bieten konnte. Zizou sagte im großen Interview mit AS.com um was es wirklich geht gegen Barcelona. Denn als der Journalist zu ihm sagte er könne doch unmöglich der Meinung sein, dass dies ein schöner Spielstil ist, meinte der Weltfußballer folgendes: “Ich muss ihnen widersprechen. Es kommt die Zeit in der die einzige Schönheit bedeutet zu gewinnen. Als erstes ist man hier um zu gewinnen, gewinnen, gewinnen. Natürlich braucht ein Verein wie Madrid Schönheit, aber das geht nicht jedes mal, gerade gegen den größten Rivalen wird es kompliziert, man muss die Gegebenheiten für einen Sieg erst mal schaffen. Am Mittwoch spielten wir mit drei Stürmern die in der Lage waren großartige Dinge zu kreieren. Natürlich nicht 50.000 mal, aber sie konnten das Spiel erfinden, die Ideen erschaffen.” (Quelle: AS.com).

Zinedine "Zizou" Zidane... Foto: Raphael Labbe

Mourinho hat das richtige System

Der wohl kreativste Offensivspieler überhaupt, der alles gewonnen hat, sprach also aus seiner Erfahrung. Man muss sich eben auch anpassen können und es gibt die Möglichkeit trotzdem vorne kreativ zu sein. Doch richtig emotional, nahezu wütend wurde er auf die Frage ob denn auch Madrid wirklich so spielen sollte?

“Und warum nicht?! Warum nicht?! Manchmal kann sogar Real Madrid diesen Stil adaptieren. Real Madrid hat das Recht zu sagen, “Okay, jetzt muss ich eben tun was es benötigt um dieses Spiel zu gewinnen und dafür opfere ich auch etwas.” Und das passiert doch nicht nur im Fußball, sondern auch im echten Leben als Mensch. Manchmal muss sich den Overall anziehen und in die Mine runter steigen. Am Mittwoch war es die Taktik zu akzeptieren, das man weniger vom Ball sieht und eine andere Lösung finden muss.” (Quelle: AS.com).

Die Akzeptanz und Erkenntnis dieser Tatsache ist auch der erste Schritt um erfolgreich aus diesem Duell gehen zu könne. Zizou, der Madridista der sogar seine Söhne in den Jugendabteilungen Madrids spielen lässt, bringt es damit auf den Punkt und zeigt damit, dass er keinen falschen Stolz kennt. Auch er als Offensivkünstler gibt klar zu verstehen, dass es ein taktisches Unterfangen ist gegen Barca zu bestehen und es nicht darauf ankommt diese Dinge an Einzelkönnern festzumachen.

Meinen hohen Respekt vor Zinedine Zidane spürte ich aber abermals, als er mit einer wichtigen Aussage den Nagel endgültig auf den Kopf traf. “Fußball, wie das Leben, besteht aus zyklischen Abläufen, die Dinge werden sich ändern. Ich spreche als Spieler. Es wirkt unfair den Coach und die Spieler zu kritisieren. Unfair das man mit einem Schlag die riesige Serie an guten Ergebnissen vergisst. Es amüsiert mich, dass jene Leute die sagen Barca und Messi seien nicht so gut wie gewöhnlich gewesen, nicht erkennen wollen dass es daran lag das Mourinho das richtige System gefunden hat.” (Quelle: AS.com).

Der Franzose ist sich also sicher: Es ist das richtige System!

Doch wie interpretierte Mourinho das System überhaupt? War es wirklich defensiv und unansehnlich? Der Spielverlauf tat natürlich sein übriges hinzu. Denn nach dem 1:1, das total unnötig war, flatterten mal wieder die Nerven der Blancos. Verständlich, da es so kurz nach der Halbzeit einfach ein herber Rückschlag war nun wieder bei null zu beginnen und wie sehr sich die Katalanen an so etwas aufbauen ist seit Jahren bekannt.

Das System von Mourinho

In der ersten Halbzeit war klar was jetzt kommt: wenig Ballbesitz. Doch die Madrilenen zeigten auch gleich was kommt wenn sie den Ball einmal erobert haben: Angriff! Ronaldo verkörperte in der ersten Halbzeit was die Marschroute sein muss. Leidenschaftlich kämpfen, defensiv konzentriert agieren und mit dem Ball blitzschnell umschalten. Genau dafür setze Mou auch auf die Flügel und ein schnelles Herausspielen aus der Abwehr. Auch Iker Casillas schien die Anweisung zu haben das Spiel schnell zu verlagern, was leider mehr schlecht als recht gelang. Kennt man den Spanier so weiß man: Hohe Bälle und Abschläge, das ist das einzige was ein San Iker nur auf normaler Klasse beherrscht. Ganz im Gegensatz zu seiner exzellenten Linienarbeit, die er gegen Messi mit Grazie aufzeigen konnte.

Standard Aufstellung B-Elf... Grafik: ©halamadrid.at

Eine zusammengewürfelte Elf durch und durch, doch das System in dem sie agierten ist von entscheidender Bedeutung. Die Außen wurden von den Flügeln unterstützt jedoch nur bis zu einer gewissen Grenze. Dies machte es vor allem Alves gegen Ronaldo verdammt schwer sein gewohntes Offensivspektakel abzubrennen. In der Mitte war perfekte Raumaufteilung das Ziel der Blancos. Neben Alonso und Lass spielte Pepe die komplizierteste Rolle zu beginn. Ein Spieler der wie ein Kampfhund aufgestellt wirkte, aber doch keiner war. Die Katalanen wurden im freien Raum übergeben und jeder musste immer hellwach agieren. Lass bekam Stabilität durch die Aufteilung der Verantwortung und Alonso Unterstützung im Kampf gegen die kleinen Technikmeister aus Barcelona.

In der Defensive erkannte man die Neutralisation der Katalanen, die lediglich über einen Weltklasse Pass in Szene kamen. Die Chancen die seitens der Gäste kreiert wurden, waren keine systematischen Angriffe sondern exzellente Einzelaktionen. Keine Spur von Alves gefürchtetem “Cut-Inside” und vor allem keine Spur von Lionel Messis grandiosen Antritten in der Mitte, die für Verwirrung gesorgt hätten. Die Abwehr stand – zumindest so wie sie in dieser Besetzung stehen konnte – gut. Immerhin wurde an 3 von 4 Positionen etwas verändert!

Altintop spielte ein, für seine Verhältnisse, starkes Spiel und zeigte das er insgesamt eine Alternative auf der Rechtsverteidiger-Position sein kann, doch die Abstimmung war grundsätzlich sehr kompliziert. So geriet Ramos das ein oder andere Mal in die ungute Situation das Abseits aufzulösen und so unnötig für Gefahr zu sorgen.

Jeder hatte seine Aufgaben und jeder wusste was auf ihn zukam. Es gab keine Überraschungen und ohne individuelle Fehler sah Barcelona in Bestbesetzung wenig Freiräume.

Ball erobert! Ab nach vorne!

Wurde der Ball erfolgreich erkämpft, was von Lass über Pepe bis Coentrão gut gelang, musste sofort der Gegenangriff eingeleitet werden. Das permanente Stören der Katalanen schuf für die Blancos natürlich Räume, die es nun galt auszunutzen. Dabei gelang es gerade über den sich immer wieder fallen lassenden Benzema den “letzten” Pass zu spielen. Beim 1:0 durch Ronaldo par excellence ausgeführt. Situationen von denen es noch weitere gab. Ein Konter über Ronaldo der nur knapp von Abidal noch verhindert werden konnte… usw…

Interessant war aber das Stellungsspiel in der Mitte! Pepe war nicht nur Kettenhund, er war nicht nur defensiver Mittelfeldspieler, er war auch für die defensiven Aufgaben eines Spielmachers zuständig. Soll heißen: Wann immer Barcelona versuchte hinten zur Ruhe zu kommen rückte Pepe durch die Mitte auf und stellte Busquets zu. Der Mann bei den Katalanen der für Ruhe und eine intelligente Ballverteilung zuständig war wurde so gestört. Die Präsenz von Pepe war allgegenwärtig – leider nicht nur aus sportlicher Sicht.

Pepe in Offensivbewegung - Grafik: ©halamadrid.at

Kaum auszudenken welche Möglichkeiten dort ein Spieler gehabt hätte der kein gelernter Innenverteidiger wäre.

Damit kommen wir auch schon zum Kern der Taktik. Wie wollte Mourinho die Balance halten? Nach diesem Spiel kann man nur sagen…

Er hatte gar keine andere Wahl!

Durch die Ausfälle musste er sich etwas einfallen lassen und was er zusammengewürfelt hatte funktionierte. Pepe bekam die Aufgabe eines Box-to-Box Spielers. Er war einerseits hinten für die Sicherung des Bereichs zwischen Alonso und Lass, sowie dem Bereich vor der Abwehrkette zuständig, aber auch für das Zustellen von Busquets. Hätte man den Ball einen Tick besser in den eigenen Reihen halten können, wäre auch noch Zeit gewesen sich mehr in die Angriffe mit einzuschalten. Doch dies war mit den technischen und spielerischen Mitteln von Pepe ohnehin undenkbar. Ganz anders aber würde dies in Bestbesetzung aussehen.

Die Balance durch die Mitte

Stellen wir uns mal die Madrilenen in Topbesetzung vor und wir erkennen den Schlüssel nahezu von selbst. Nicht Coentrão und nicht unbedingt Sahin scheinen in der Variante von Mourinho der Schlüssel zu sein, sondern Sami Khedira.

Der Deutsche verkörpert perfekt den Box-to-Box Spieler und kann damit in jeder Situation den nötigen Ausgleich herstellen.

Die Khedira-Option... Grafik: ©halamadrid.at

Wenn in dieser Formation Ronaldo Alves weiterhin ausschaltet, ein Di Maria Abidal nicht aus den Augen lässt und sich Karim Benzema weiterhin so geschickt fallen lässt, wird sich Barca vor großen Problemen wiederfinden. Viel wichtiger aber ist, dass Messi zwar immer noch Weltklasse ist, aber keinen taktischen Vorteil mehr durch seine Position darstellt. Die numerische Unterlegenheit in Ballbesitz wird durch das Fallenlassen von Karim und dem Aufrücken von Sami pulverisiert und es entsteht in Madrid womöglich etwas, das man schon Jahre nicht mehr gesehen hat in der spanischen Hauptstadt:

Ein homogenes Angreifen und Verteidigen des gesamten Teams!

Der Ansatz wurde entdeckt, es gibt noch weitere, wie von mir schon angesprochen über Coentrão oder Nuri Sahin, doch der Sami Khedira-Ansatz wurde nun schon 6 Monate geübt in dem man eine Nummer 6 in Madrid beobachten konnte, die sich immer mehr an diese Anforderungen anpasste. Ein Sami Khedira der immer mehr auch um den Strafraum agierte. Selbst Lass schien die Anweisungen bekommen zu haben sich noch mehr im Spielaufbau zu integrieren. Übungen für die clásico-Taktik? Es scheint so…

Man muss also dieses Mal, bei dieser Ausrichtung wirklich sagen…

Es war Pech.

Pech war es das Alvaro Arbeloa für so eine total dumme Aktion von ihm Gelb-Rot gesperrt war. Pech war es, dass sich Sami Khedira verletzte und somit ausfiel und schmerzvoll war der Verzicht auf Angel Di Maria – der immens gebraucht wird in diesem Kader!

Drei Ausfälle die eine Kette von Umstellungen bedeuteten und somit sogar diese wirklich durchdachte Taktik noch nicht in Erfolg umsetzten ließ. Doch Zizous Aussagen geben mir Hoffnung. Sie zeigen mir, dass man in Madrid schon länger versteht um was es geht und wir den natürlichen Lernprozess einfach abwarten müssen. Ich denke, dass dieses Spiel trotz der Niederlage ein Wendepunkt für die Königlichen darstellt. Man sah wie es geht und man weiß, dass man es noch wesentlich besser umsetzen kann.

Daher schmerzt zwar die Niederlage – aber die Lehren des Spiels sind so weitreichend und die Art und Weise wie der Verein diese auch kommuniziert so einmalig, dass es keinen Grund gibt Trübsal zu blasen. Der Weg liegt offen vor uns… jetzt müssen wir ihn nur noch beschreiten.

Patrick gründete 2011 den Real Madrid Blog "halamadrid.at". Nach jahrelangem Erfolge feiern und überdauern von Leidensperioden mit dem Verein, geht es ihm um Analysen und Zusammenhänge rund um den besten Verein des 20ten Jahrhunderts. Neben seinem Blog studiert er Publizistik, internationale Betriebswirtschaft und ist ehemaliger Redakteur für realmadrid.de.

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