18. Januar: Jeder schaut gespannt auf die Bildschirme oder den saftig grünen Rasen des Santiago Bernabéu um sich auf ein Spiel einzustellen, das die Gemüter seit Monaten erhitzt. El clásico! Das ist doch jenes Spiel vor dem man jedes Jahr enormen Respekt aufbaut, vor dem man in der Arbeit oder der Schule sitzt und sich überhaupt nicht mehr im Griff hat. Total aufgedreht, geladen und nervös geht man in die Woche des clásico um sein Team schon in der Spielvorbereitung so viel Energie wie möglich zu “senden”.
Doch heute nicht mehr. Der clásico erlebte 2011 eine Inflation die sogar den Dollar wertvoll aussehen ließ. Mit dem mittlerweile… ähm… zählen wir mal… ach ja… neunten clásico innerhalb von 14 Monaten geht sogar der letzte Madridista mit einer anderen Einstellung in die “Vorbereitung” der Partie. Paart man dieses Phänomen dann noch mit chronischen Niederlagen, Schwalben, harten Fouls, Fehlentscheidungen und Traubenbildung so könnte der zynische Fan sagen: „Ach das tue ich mir nicht mehr an.“
Aber ein Madridista ist kein “Fan“ – er ist Mitglied.
Ein Umstand den auch Cristiano Ronaldo eventuell verstanden haben könnte?!
Ein Spieler muss einer von uns sein
Am 13. Januar war ich noch mit emotionalem Aufruf dahinter dem, aus meiner Sicht, fußballerisch komplettesten Spieler der Welt klar zu machen um was es für einen gar nicht mal so kleinen Teil der “Mitglieder” dieses Vereins geht.
Jeder im Verein ist der Verein. Jeder im Verein hat eine Aufgabe. Ein Präsident repräsentiert, ein Scout beobachtet, ein Trainer stellt auf, ein Anhänger jubelt und ein Spieler – der spielt. Dabei muss er als Mitglied dieses Vereins sich genauso präsentieren wie es jeder andere Anhänger auch tun würde. Man muss sich nur mal Thierry Henry in London ansehen, als er sich vor die Kamera stellte und aus seinem emotionalen Haushalt erklärt wie schön es ist diesmal als Fan spielen zu dürfen. Er ist mittlerweile einer von den Gunner-Anhängern, der sich mehr oder weniger den Traum eines jeden “Gooners” erfüllen durfte selbst am Rasen für sein Team ein Tor zu erzielen. Eine Einstellung die es heute nur noch selten zu bestaunen gibt.
Mourinho erkennt die Kritik
Eine Sache hat sich allerdings im Vorfeld der Partie gegen die Katalanen verändert. Mourinho versteht nun die Kritik. Vor dem Spiel auf Mallorca war dies anders, denn da gab er noch sein Unverständnis preis: „Schau dir mal die Statistiken der Schlüsselspieler anderer Vereine an, die bekommen in fünf Jahren nicht das hin, was Ronaldo in einem macht. Wir sprechen hier vom besten Torschützen Europas, dem Bota de Oro. Also bitte, was fragst du mich nach der Effektivität? Der einzige, der mehr Tore als er geschossen hat, spielt in irgendeiner Liga in Afghanistan oder Estland oder wo auch immer. Meine Güte, was für Probleme ihr habt.“ (Quelle: realmadrid.de).
Mourinhos Problem mit der Kritik war, dass er sie nicht anfassen konnte. Die Statistiken seiner Erfolge und der seiner Spieler kann er auf Pokalen ablesen, daran kann er arbeiten. Doch mit der Kritik auf höchstem philosophischem Niveau hatte der bodenständige ergebnisorientierte Erfolgscoach seine Mühe. Aber dann die Kehrtwende! Jemand muss ihm etwas souffliert haben. Entweder von oben (Pérez), der Seite (Karanka) oder von “unten” (Casillas) muss eine Übersetzung für den Portugiesen eingetrudelt sein. Von mir kam es nämlich nicht, denn ich habe seine Nummer verlegt
Auf der Pressekonferenz nach dem Spiel gegen Mallorca gab er sie endlich, die Rede zur Lage der Nation:
„Ich arbeite nun seit eineinhalb Jahren mit ihm zusammen und seitdem hat er sehr viele Treffer erzielt. Ich weiß nicht wie viele Hattricks darunter waren, wie oft er uns damit zum Erfolg verholfen hat – wie zum Beispiel sein entscheidendes Tor im Pokalfinale gegen Barça. Aber weißt du, wann er mir am besten gefallen hat? Beim Spiel gegen Mallorca. Er hat gegen Mallorca zwar nicht brillant gespielt, aber er hat gearbeitet wie ein Tier. Er hat Bälle erobert, hat sich für das Team geopfert und ist halbtot vom Platz gegangen. Genau an diesen Tagen sage ich Ronaldo war fantastisch. Nach dem Spiel sagte ich ihm: Auf dass keiner dich für diese Leistung kritisiert. Wenn sich doch einer wagen sollte, werde ich mich vor dich stellen. Ich sage euch: Wenn er so spielt, hat keiner das Recht ihn zu kritisieren. Wer ihn kritisiert, bekommt ein Problem mit mir!“ (Quelle: realmadrid.de).
Worte die wir erstmals vom Portugiesen über seinen Landsmann hören durften. Ein Fortschritt der vor dem clásico noch nicht richtig für jeden greifbar war. Noch war es „nur eine Rede“…
Ronaldo macht Schritt nach vorne
Denn erst im clásico wurde die Tragweite der Aussagen von Mourinho auf den Rasen gebracht. Ronaldo, der wohl meist gehasste Spieler der Welt, der Pfiffe aus dem eigenen Stadion ertragen musste, wollte es dem Santiago Bernabéu beweisen. Einmal mehr wollte er der Welt sagen: “Ich kann das!”
Wer könnte sich da besser eignen als der ewige und verhasste Erzrivale aus Katalonien?
Die ersten gut 20 Minuten drehte Ronaldo richtig auf. Er fiel nicht durch Torschüsse, Lattenkracher oder Freistößen aus 40 Metern in die Mauer auf, sondern durch Dinge die alle Mitglieder dieses Vereins auszeichnen (sollte).
Leidenschaft, Ehrgeiz, Mut, Einsatzbereitschaft und Disziplin!
Er zeigte dem Bernabéu das er verstanden haben könnte um was es geht und sogar die Notwendigkeit sah es gegen diesen Gegner auch wirklich diszipliniert umzusetzen. Mourinhos Worte trugen Früchte und das Bernabéu wird diesen aufopferungsvollen Ronaldo hoffentlich nicht vergessen. Obwohl Pinto beim Tor des Portugiesen nicht gut aussah so sage ich nach diesen ersten Minuten: „Ronaldo hatte es verdient.“ Ein Satz der mit einem Ronaldo-Tor von vielen Mitgliedern leider zu selten gesagt wird. Vielleicht ändert sich dies in der Zukunft? Der erste Schritt wurde getan und es liegt nun an uns, den restlichen Mitgliedern dieses Vereins, zu honorieren was wir gut heißen.
Mourinho ist verantwortlich
Mourinho gab nach dem clásico Einblicke über seine Sicht des Madridismo und blieb dabei gewohnt pragmatisch in seiner Offenheit sich für diesen auch ein Stück weit zu verändern: „Ich verstehe den Madridismo immer, aber ich höre ihm vor und nach dem Spiel nicht zu. Es ist doch immer dasselbe. Wenn wir verlieren, dann gibt es nur einen Schuldigen und das bin ich. Und auch diese Niederlage werde ich auf meine Kappe nehmen…” (Quelle: realmadrid.de).
Der Erfolgscoach kann es also nicht lassen sich auch nach umgesetzter Kritik seiner Linie treu zu bleiben. Eine starke Persönlichkeit, die alles unter Kontrolle hat. Für mich heißt dieser Satz, dass er natürlich schon immer von diesen “Zusatzanforderungen” wusste, die der Madridismo für seine Mitglieder auf den Rasen aufstellt. Doch Mourinho wäre nicht Mourinho wenn er nicht versuchen würde so wenig Druck wie möglich für die Spieler zu kreieren. Der Beigeschmack den er also hinterließ war die Aussage zwischen den Zeilen: “Ich könnte, wenn ich wollte… doch es ist unnötig für unseren Erfolg in 90 von 100 Spielen.”
Der Erfolgscoach wird also weiterhin tun was für den Erfolg notwendig ist und jeden weiteren Druck der Spieler auf sich laden. Doch Erfolg der nicht auf dem Weg des Madridismo erreicht wurde wird wohl nie als solcher gefeiert werden können. Nach Ronaldo sollte man dies eventuell noch einem weiteren portugiesischen Spieler in den Reihen der Blancos erläutern, einem Spieler der sich nun schon als Wiederholungstreter etablierte und dem Madridismo auf einer ganz neuen Ebene schadet – doch das ist eine andere Geschichte…

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